„Heute ist Freitag“ Eine österliche Szene von Ernest Hemingway

Immer wenn der Karfreitag ansteht und die Ostergeschichte sich wiederholt muss ich an „Heute ist Freitag“ eine der wenig bekannten Kurzgeschichten des großen amerikanischen Nobelpreisträgers denken. Es ist eine Ostergeschichte – freilich eine Ostergeschichte ganz eigener Art, von der wir uns schon damals, in der Schulbesprechung, vorstellen konnten, dass sie so manch religiösen Menschen nach der ersten Lektüre entsetzt. Heute wissen viele nicht mehr genau um was es geht. Aber ist diese Geschichte wirklich eine Blasphemie? Das kann ja jeder in den kommenden fünf  Minuten selbst entscheiden, wenn er will.

Ich wünsche allen Besuchern meiner Seite ein frohes, sonniges und auch entspanntes Osterfest. 

Drei römische Soldaten sind um elf Uhr nachts in einer Kneipe. Rings an den Wänden sind Fässer. Hinter dem hölzernen Schanktisch ist ein hebräischer Weinverkäufer. Die drei römischen Soldaten sind ein bisschen blau.

Erster Soldat: „Hast du den Roten probiert?“

Zweiter Soldat: „Nein, ich hab’n nicht probiert.“

Erster Soldat: „Du solltest’n probieren.“

Zweiter Soldat: „Also gut, George, schmeißen wir ’ne Runde vom Roten.“

Der hebräische Weinverkäufer: „Hier, meine Herren. Der wird Ihnen schmecken.“ (Er setzt einen irdenen Krug, den er aus einem der Fässer gefüllt hat, vor sie hin.) „Das ist ein nettes, kleines Weinchen.“

Erster Soldat: „Na, trink auch’n Glas von.“ (Er wendet sich an den dritten römischen Soldaten, der an einem Fass lehnt.) „Was ist denn mit dir los?“

Dritter Soldat: „Hab Bauchshmerzen.“

Zweiter Soldat: „Kommt vom Wassertrinken.“

Erster Soldat: „Probier mal den Roten.“

Dritter Soldat: „Ich kann das verdammte Zeugs nicht trinken. Kriege Magensäure von.“

Erster Soldat: „Warst zu lange hier draußen.“

Dritter Soldat: „Zum Teufel, wem sagst du das?“

Erster Soldat: „Sag mal, George, kannst du dem Herrn nicht was geben, um seinen Magen zu kurieren?“

Der hebräische Weinverkäufer: „Hier, schon parat.“ (Der dritte Soldat probiert, was der Weinverkäufer für ihn gemischt hat.)

Dritter Soldat: „He du, was hast du da reingetan, Kameldreck?“

Weinverkäufer: „Trinken Sie’s nur ’runter, Herr Leutnant. Wird Sie wieder ins Lot bringen.“

Dritter Soldat: „Na, schlimmer kann’s nicht werden.“

Erster Soldat: „Riskier’s mal. George hat mich neulich tadellos wieder ins Lot gebracht.“

Weinverkäufer: „Waren in schlechter Verfassung, der Herr Leutnant. Ich weiß schon, was einen verdorbenen Magen kuriert.“ (Der dritte römische Soldat trinkt das Glas herunter.)

Dritter Soldat: „Jesus Christus!“ (Er schneidet ein Gesicht.)

Zweiter Soldat: „Alles falscher Alarm!“

Erster Soldat: „Ach, ich weiß nicht. Der hat sich recht ordentlich benommen heute.“

Zweiter Soldat: „Warum ist er nicht vom Kreuz runtergestiegen?“

Erster Soldat: „Weil er nicht vom Kreuz steigen wollte. Das gehört nicht zu seiner Rolle.“

Zweiter Soldat: „Na, den Kerl möcht’ ich sehen, der nicht vom Kreuz runter will.“

Erster Soldat: „Zum Teufel, davon verstehst du nichts. Frag mal George. Wollte er vom Kreuz steigen, George, oder nicht?“

Weinverkäufer: „Wissen Sie, meine Herren, ich war nicht mit draußen. Das ist eine Angelegenheit, die mich nicht interessiert hat.“

Zweiter Soldat: „Wisst ihr, ich hab schon ’ne Menge von denen gesehen – hier und auch anderswo. Ich sage euch, wenn ihr mir einen zeigt, der nicht vom Kreuz runter will, wenn’s ernst wird – ich meine, wenn’s wirklich ernst wird –, dann will ich zu ihm raufklettern.“

Erster Soldat: „Ich muß sagen – der hat sich recht ordentlich benommen heute.“

Dritter Soldat: „Der war tadellos.“

Zweiter Soldat: „Ihr Jungens wisst nicht, wovon ich rede. Ich sag nicht, ob er sich gut benommen hat oder nicht. Was ich sagen will, ist, wenn’s ernst wird. Wenn sie mit dem Annageln anfangen, daß es dann wohl keinen gibt, der nicht halt sagen würde, wenn er könnte.“

Erster Soldat: „Weißt du wirklich nicht, worum sich’s handelt, George?“

Weinverkäufer: „Nein. Hab mich gar nicht für interessiert, Herr Leutnant.“

Erster Soldat: „Ich war überrascht, wie der sich benommen hat!“

Dritter Soldat: „Was ich nicht mag, ist, wenn sie sie annageln. Wisst ihr, das muss einem furchtbar an die Nieren gehen.“

Zweiter Soldat: „Das ist nicht so schlimm, als wenn sie sie hochhissen.“ (Er macht, beide Handflächen aneinander gepresst, eine Hebebewegung.) „Wenn ihr Gewicht an ihnen zieht, das ist der Moment, wo’s sie alle packt.“

Dritter Soldat: „Manche packt’s verdammt schlimm.“

Erster Soldat: „Hab ich sie denn nicht auch gesehen? Ich hab ’ne Masse gesehen. Ich sag euch, der hat sich recht ordentlich benommen heute.“ (Der zweite römische Soldat lächelt den Weinverkäufer an.)

Zweiter Soldat: „Du bist’n regelrechter Christ, alter Freund.“

Erster Soldat: „Na klar, mach nur weiter und veräppelt ihn. Aber pass auf, was ich dir jetzt sage. Der hat sich recht ordentlich benommen heute.“

Zweiter Soldat: „Wie wär’s mit noch’m  bisschen Wein? (Der Weinverkäufer sieht erwartungsvoll auf. Der dritte römische Soldat sitzt mit gesenktem Kopf da. Er sieht elend aus.)

Dritter Soldat: „Ich will nicht mehr.“ Zweiter Soldat: „Bloß für zwei, George.“ (Der Weinverkäufer nimmt einen Krug, eine Größe kleiner als vorher. Er lehnt sich über den hölzernen Schanktisch.)

Erster Soldat: „Hast du sein Mädel gesehen?“ Zweiter Soldat: „Hab ich nicht direkt neben ihr gestanden?“

Erster Soldat: „’ne richtige Schönheit.“ Zweiter Soldat: „Ich kannte sie vor ihm.“ (Er zwinkert dem Weinverkäufer zu.)

Erster Soldat: „Ich hab sie häufig in der Stadt gesehen.“

Zweiter Soldat: „Der ging’s früher glänzend. Aber er hat ihr kein Glück gebracht.“

Erster Soldat: „Ach, der hat kein Glück. Aber ich muss sagen, er hat sich heute da recht ordentlich benommen!“

Zweiter Soldat: „Was ist denn aus seiner Blase geworden?“
image

Erster Soldat: „Na, die haben sich verdrückt. Nur die Frauen haben zu ihm gehalten.“

Zweiter Soldat: „Das waren feine Drückeberger! Als sie ihn hochgehen sahen, hatten sie genug.“

Erster Soldat: „Die Frauen haben bei ihm ausgehalten.“

Zweiter Soldat: „Sicher, die haben ausgehalten.“ Erster Soldat: „Hast du gesehen, wie ich ihm den ollen Speer reingestoßen habe?“

Zweiter Soldat: Wirst schon noch mal Unannehmlichkeiten kriegen, wenn du so was machst.“

Erster Soldat: „Das war doch das wenigste, was ich für ihn tun konnte. Ich sag euch, der war schon recht ordentlich heute.“

Der hebräische Weinverkäufer: „Die Herren wissen, dass ich schließen muss.“

Erster Soldat: „Wir trinken noch eine Runde.“

Zweiter Soldat: „Wozu denn? Das Zeugs taugt ja doch nichts. Kommt, wir wollen fortmachen.“

Erster Soldat: „Na, nur noch eine Runde.“

Dritter Soldat: (Steht vom Fass auf.) „Nein, kommt man. Wir wollen gehen. Ich fühl mich heute Nacht verdammt schlecht.“

Erster Soldat: „Nur noch eine!“

Zweiter „Soldat: Nein, los. Wir geh`n jetzt. Gute Nacht, George. Schreib an.“

Weinverkäufer: „Gut Nacht, die Herren. (Er sieht ein wenig bedrückt aus.) Sie können mir wohl nicht ’ne kleine Anzahlung geben, Herr Leutnant?“

Zweiter Soldat: „Zum Teufel noch mal, George. Mittwoch ist Zahltag.“

Weinverkäufer; „Schon recht, Herr Leutnant. Gut Nacht, die Herren.“ (Die drei römischen Soldaten gehen zur Tür hinaus auf die Straße.)

(Auf der Straße.)

Zweiter Soldat: „George ist’n Judenjunge, genau wie die ganze übrige Bande.“

Erster Soldat: „Ach, George ist’n netter Kerl.“

Zweiter Soldat: „Bei dir ist heute Abend jeder ein netter Kerl.“

Dritter Soldat: „Los, wir wollen in die Kaserne machen. Ich fühl mich heute verdammt schlecht.“

Zweiter Soldat: „Du bist schon zu lange hier draußen.“

Dritter Soldat: „Nein, das ist es nicht allein. Ich fühl mich verdammt schlecht.“

Zweiter Soldat: „Du bist schon zu lange hier draußen. Das ist alles.“

Ernest Hemingway

WIR LESEN UNS WIEDER